Internate: Harry Potter und die Heiligtümer der Reformpädagogik

Nach einem Jahr der Skandale soll an den Elite-Internaten wieder Ruhe einkehren. Da muss selbst Harry Potter herhalten, um ramponiertes Image aufzumöbeln.

Auf dem Höhepunkt einer medialen Image-Kampagne, die die einstigen "Lazarette für Schulversager" zu elitären "Kaderschmieden mit Karrieregarantie" (manager-magazin) hochzustilisieren versuchte, wurde das Jahr 2010 für die deutschen Internate zum "annus horribilis". Doch obwohl die Aufdeckung zahlreicher Fälle von Gewalt und sexuellem Missbrauch auch nach etlichen Monaten kaum mehr hat sichtbar werden lassen als die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs, mehren sich bereits die Versuche, die abstoßenden Enthüllungen aus rund drei Dutzend Instituten mit guten Nachrichten zu übertünchen. Und schon ist an Einrichtungen wie dem Bonner Aloisiuskolleg oder der Odenwaldschule deutlich zu spüren, dass die Opfer schnell lästig werden, wenn ihre Anklagen und Entschädigungsforderungen den "guten Ruf" und den Bestand jener Einrichtungen gefährden, in denen die nicht Betroffenen gern weiterhin ihre Problemkinder verstecken und ihre Netzwerke knüpfen würden.

Systembedingte Webfehler der Internate

Bei aller öffentlichen Empörung wurde nur selten die grundsätzliche Frage gestellt, ob Internate als "totale Institutionen" und "geschlossene Gesellschaften" nicht bestimmte systembedingte Webfehler aufweisen, durch die alle Bemühungen zur Vergangenheitsbewältigung und zur Vorbeugung, alle Kommissionen, runden Tische, Leitlinien, Handlungsempfehlungen und dergleichen letztlich ins Leere laufen. So ist die nächste Welle peinlicher Enthüllungen vielleicht nicht mehr fern. Und das könnten die neuen Schocker aus der Welt der Internate sein: Alkohol, illegale Drogen, Gewalt und Missbrauch unter Kindern und Jugendlichen, Gewalt gegen Lehrer und Erzieher, Korruption bei der Aufnahme von Schülern in weiterführende Schulformen oder der Vergabe von Abiturnoten, die verfassungswidrige Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern und anderes mehr. Zu all diesen Schlagworten gibt es immer wieder einzelne Skandalberichte. Und man erlebt das Gleiche wie bei den frühen Berichten über die Misshandlung oder den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen: Es wird verharmlost, es wird geleugnet, es werden notfalls die Unterstützer-Netzwerke mobilisiert, Gegenkampagnen organisiert oder Rechtsanwälte in Marsch gesetzt. Doch was wäre, wenn man den genannten Aspekten einmal ähnlich beharrlich nachginge wie zuletzt den nicht mehr zu unterdrückenden Hinweisen auf die Missbrauchs-Verbrechen?

Peinliche Schadensbegrenzung nach den Missbrauchsskandalen

Einstweilen jedoch steht Schadensbegrenzung auf dem Programm, soll sich die öffentliche Aufregung legen, Gras über das Geschehene wachsen. So wird man nicht müde zu betonen, bei den bekannt gewordenen pädagogischen Scheußlichkeiten handle es sich überwiegend um lange zurückliegende Einzelfälle. Zwar ruft der kürzlich publizierte Ratschlag des Reformpädagogen Hartmut von Hentig, langjähriger Lebensgefährte des durch Missbrauchsvorwürfe schwer belasteten und 2010 verstorbenen ehemaligen Leiters der "OSO", man möge die Diskussion um die besonders abstoßenden und zahlreichen Übergriffe an der Odenwaldschule stoisch aussitzen, aktuell noch helle Empörung hervor. Doch die über dpa verbreitete Ankündigung des Alt-Salemers (1954 bis 1963), Alt-Chefredakteurs der Hamburger ZEIT und neu gekürten Vorstandsvorsitzenden des Salemer Schulträgervereins, Robert Leicht, nach dem Bekanntwerden mehrerer Missbrauchsfälle und nicht enden wollenden Personal-Querelen müsse nun erst einmal Ruhe einkehren und ein "Signal des Neubeginns" gesetzt werden, löst bereits keine entrüsteten Reaktionen mehr aus.

Und sogar Humorvolles ist neuerdings zu lesen über den Missbrauch im Internat. Miguel Abrantes Ostrowskis Buch "Sacro Pop", ein heiter-ironischer Bericht über das Leben in dem Godesberger Jesuiten-Internat "Aloisiuskolleg", das auch die offen ausgelebte Päderastie der frommen Patres nicht ausspart, lässt man sich da noch gefallen. Es ist schließlich die Vergangenheitsbewältigung eines Betroffenen. Bedenklich erscheint dagegen der Nachrichten-Fake von "Welt online" (10. März 2010) unter der Überschrift: "Missbrauch-Skandal jetzt auch in Hogwarts – Nach katholischen Gymnasien und der antiautoritären Odenwaldschule ist nun auch das bekannteste Elite-Internat der Welt in Verruf geraten".

J. K. Rowlings Buch- und Filmerfolg um den Zauberlehrling Harry Potter im Zauberinternat Schloss Hogwarts muss nun sogar noch herhalten, um den Imageschaden zu reparieren, den Päderasten und Pädophile über Jahrzehnte in Internatsschulen und Schülerheimen angerichtet haben. So resummiert Holger Kreitling im Hamburger Abendblatt vom 11. November 2010 anlässlich der Premiere des wohl letzten Filmabenteuers "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" unter der Rubrik "Was bleibt":

"Dank Schloss Hogwarts hat der Internatsaufenthalt bei Schülern seinen Schrecken weitgehend verloren. Auch in Deutschland. Hierzulande waren Internate nie wohlgelitten. Nun träumt eine neue Generation von einer Schule, wo die Eltern fern sind und die Gemeinschaft groß. Die Erziehungsanstalt passt in die aktuelle Bildungsdebatte als ultimativer Karrierebeschleuniger. Hier werden Netzwerke gebildet und künftige Bürger geformt."

Mag das "Elite-Internat" für alle Harrys, Rons und Hermines aus begütertem Hause seinen Schrecken verloren oder als Luxusartikel und Möglichkeit zu narzisstischer Selbststeigerung an Wert sogar gewonnen haben. Es bleibt der Schrecken des kritischen Beobachters der gesellschaftlichen Entwicklung angesichts der makabren Bewältigungsstrategien der Wohnschul-Branche.

Das "System Internatsschule" wird nicht in Frage gestellt

Auf dem Höhepunkt der Missbrauchsdebatte hatten kommerzielle Internatsvermittler und Privatschulverbände sich beeilt zu versichern, dass die Internats-Nachfrage unter den Skandalen kaum gelitten habe. Überlegungen wie die des ehemaligen OSO-Leiters Wolfgang Harder, der durch die enthüllten Vorfälle das gesamte "System Internatsschule" in Frage gestellt sah, fanden keinerlei Resonanz.

Die sich nun mehrenden Hinweise auf die "dunkle Seite der Reformpädagogik" (Alan Posener in WamS vom 13. März 2010) scheint die Wohnschul-Zunft und insbesondere die Gruppe der "Deutschen Landerziehungsheime“, zu denen neben der Odenwaldschule auch Schloss Salem, Louisenlund, Neubeuern, Birklehof und etliche andere gehören, nur wenig zu irritieren. Selbst als ein im Zuge der Missbrauchsdebatte auflodernder erziehungswissenschaftlicher Disput auf mehr als nur eine Dunkelzone aufmerksam machte, blieben ihre Seilschaften kritikresistent. Hinweise auf die elitäre Ideologie der Reformschulgründer, deren Verschmelzung mit dem nationalsozialistischen Gedankengut, die bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts fortwirkte, und schließlich deren Umschlagen in Schulreform-Ideen mit deutlich leistungsfeindlichem Charakter wurden als Gerneralangriff auf die Humanisierung des Bildungswesens insgesamt zurückgewiesen.

So sind es letztlich die „Heiligtümer der Reformpädagogik“, die dafür sorgen werden, dass am Ende alles beim Alten bleibt. Da werden vermeintlich Errungenschaften des pädagogischen Fortschritts verteidigt. Doch in Wahrheit geht es darum, unter einem schulreformerischen Deckmäntelchen die Refeudalisierung der Bundesrepublik voran zu treiben. Durch Sonderschulen für die neue Elite der Bankauszüge und durch Karrierenetzwerke, die den offenen Wettbewerb einer demokratischen Leistungsgesellschaft umgehen. Dafür müssen eben Opfer gebracht, notfalls auch Menschen zu Opfern gemacht und - wie man sieht - Opfer auch möglichst schnell wieder vergessen werden.

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Ulrich Lange, Ulrich Lange

Ulrich Lange - Ulrich Lange, geb. 02.06.1949 Abitur 1969 Studium Politik/Soziologie/Erziehungswissenschaft in Marburg Berufliche ...

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