Internate – "Der Bapa is a ganz aan wichtiger"

Tatort Internat - Die „Soko Wien" ermittelte im Sumpf des fiktiven „Eliteinternats für Burschen" in St. Marain („In bester Gesellschaft", ZDF, 14. 1. 2011)

Der „Tatort Internat“ war in den letzten Monaten eher bedrückende Realität, nachdem zahlreiche Elite-Institute zum Schauplatz inflationärer sexueller Übergriffe von Päderasten sowie anderer Scheußlichkeiten geworden waren. Seit geraumer Zeit hatte der aufmerksame Zeitungleser bereits studieren können, dass exklusive Internate auch im richtigen Leben genügend Stoff für Kriminalgeschichten liefern.

Die härtesten Krimis schreibt immer noch das Leben

So erschoss am 2. Juli 2000 ein 16-jähriger Schüler den Heimleiter des Realschulinternats Schloss Brannenburg bei Rosenheim und fügte sich selbst anschließend mit der Sportwaffe des Vaters schwerste Kopfverletzungen zu. Ein Racheakt. Tags zuvor war er wegen Verhaltens- und Drogenproblemen von der Schule geflogen. Noch besser in Erinnerung ist vielleicht der Fall des Landerziehungsheims „Urspringschule“ auf der Schwäbischen Alb. Am 18. Mai 2006 erstach dort ein 17-jähriger Schüler seinen 16-jährigen Internatskameraden Arndt R. wegen eines Streits um 50 Euro. Schon in U-Haft, suchte der Täter Auftragskiller, um Belastungszeugen zu beseitigen.

Folgerichtig war auch der Krimi-Zuschauer bereits des Öfteren Zaungast in sogenannten Elite-Internaten. In der „Tatort“-Episode „Eiskalte Engel“ etwa, die sich des Themas Wohlstandsverwahrlosung angenommen hatte. Ihr fiktives Eliteinstitut „Schloss Hamberg“ war so dicht am Bodensee angesiedelt, dass Zuschauer-Kommentare gleich von „Schloss Salem“ sprachen und auch taz.de („Eiskalte Bengel“) bewundernd feststellte, wie leichthändig dieser „hochaktuelle Beitrag“ das im engagierten Fernsehen ewig präsente Thema des Schulnotstands „von Rütli in Richtung Salem“ gedreht habe. Zitat: „Willensstark und unter Einsatz all ihres Wissens bringen zwei Schüler des Eliteinternats Schloss Hamberg einen Mitschüler um. Erst spannen sie ein Mädchen ein, um ihn mit Wodka und einem nicht nachweisbaren Betäubungsmittel abzufüllen, dann versenken sie ihn im Schwimmbad – der perfekte Mord. Bernhard Bueb, Verfasser der Bildungsstreitschrift 'Lob der Disziplin' und bis 2005 Schulleiter des Eliteinternats Salem, würde wahrscheinlich wohlwollend nicken zu dieser Kombination von Konsequenz und Kompetenz. So muss er beschaffen sein, der Führungsnachwuchs.“

Dreck am Stecken

Nun also einmal mehr engagiertes Fernsehen im Krimi-Gewand und wieder ein Elite-Internat als Spielort. Schon ausgelutscht, abgegrast, überstrapaziert? Im Gegenteil: beste Fernsehunterhaltung, glaubwürdige Akteure ohne darstellerische Schwächen, Dialoge ohne falsche Töne, stimmige Geschichte spannend erzählt. Diesmal mit dem Fokus auf alle, die im Dunstkreis solcher Nobel-Erziehungsstätten Dreck am Stecken haben: Die Tochter des Hausmeisters, der das Aufwachsen unter reichen Schnöseln den Charakter verdirbt und deren Geldgier und Niedertracht, von ihren vermögenden Vorbildern gelehrig abgeschaut, sie schließlich das Leben kosten. Der Schuldirektor Wagner, der unter dem Tarncode „Nachhilfe-Unterricht“ von Eltern hohe Bestechungs-summen kassiert und dafür sorgt, dass die von Hohenthals und von Bernitzs – „alle keine Leuchten“ – am Ende „mit Auszeichnung“ bestehen.

Da sind – als Zentralfiguren – vor allem der Wirtschaftsmagnat Maximilian Meinsdorf („Ich bin Bankier. Ich kann mir keinen Skandal leisten!“) und sein für die Klassenstufe reichlich überalterter Sprössling Julian, der ewige Versager. Beide verbindet nichts außer der Abneigung gegen das Heißgetränk aus dem Polizei-Automaten („So was trink’ ich nicht!“) und dem Intimkontakt mit dem Tatopfer, was Meinsdorf Junior aber nicht davon abhält, gegenüber den Kriminalern auf dicke Hose zu machen. "Der Bapa is a ganz aan wichtiger", mokiert sich da der Kommissar Nowak in breitestem Wienerisch und zupft den Junior zur kopfschüttelnden Missbilligung seines Dienstvorgesetzten kräftig am Ohr.

Als weiterer Handlungsträger überzeugt der Mitschüler Mathias Steglitzer, klein, pausbäckig und mit Kassengestell, in der Jugendsprache das typische „Opfer“. Doch auch der entpuppt sich, spielt mit kompromittierenden Schnappschüssen aus dem Bildspeicher seiner Hightec-Kamera („Videos in HD“) sein eigenes Spiel und vor allem einen gegen den anderen aus. Zudem erweist sich der Bengel unter Druck als überraschend rechtskundig (Zitat: „Wissen Sie, mein Großvater war Richter, mein Vater ist Richter und eines Tages werde ich auch mal einer sein.“). Kommissar Ribarskis Feststellung: „Du bist kein Opfer, du bist ein Täter!“ stößt da nur auf den Versuch eines überlegenen Grinsens mit blasiert verzogenem Mundwinkel.

Klare Botschaft: Die Oberklasse ist zum k ...

Was lernt uns das, möchte man da grammatisch etwas unkorrekt fragen. Kommissar Nowak: „Und denen stehen alle Türen offen. Der eine wird Richter, der andere geht in die Politik oder was weiß ich, noch schlimmer, in die Wirtschaft. Beide Charakterschweine.“ Dienstleiter Dirnberger: „Und wahrscheinlich können beide nicht einmal was dafür, wenn du dir die Väter anschaust.“ So muss sich am Schluss Übervater Meinsdorf, der den missratenen Sohn in einem Deal mit dem Staatsanwalt kaltherzig opfert, einiges anhören. Zitat: „Du hattest keine andere Wahl? Du mit Deiner Armee von Anwälten? Du schmierst Beamte, du kaufst dir Nutten und Freunde und zerstörst Leben, ohne mit der Wimper zu zucken. Und du willst mir erzählen, dass du mich nicht schützen konntest, mich, deinen eigenen Sohn? Gib es doch zu: Ich bin die größte Enttäuschung für dich. Ich bin es nicht wert, oder?“

Wenn der Film trotz aller handwerklichen und darstellerischen Brillianz letztendlich doch etwas klischeehaft wirkt, so liegt das nicht an der Realitätsferne der Geschichte, sondern an deren übergroßer Nähe zur Wirklichkeit. Wer einmal hinter die Kulissen von Salem & Co. geblickt hat, weiß: Genau so ist es. Mit einer Ausnahme vielleicht: Im TV-Krimi setzt sich der geradlinige Polizei-Oberst Otto Dirnberger mit seinem jungen Team couragiert gegen die Arroganz der Wirtschaftsmächtigen und die Proteste der speichelleckerischen Dienstleister aus der Bezahlschul-Branche durch. Das hat so mancher im wahren Leben womöglich schon anders erlebt.

Ulrich Lange, Ulrich Lange

Ulrich Lange - Ulrich Lange, geb. 02.06.1949 Abitur 1969 Studium Politik/Soziologie/Erziehungswissenschaft in Marburg Berufliche ...

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